Ein “Neuländer” in Brasilien – WM-Finale

Am Ziel aller Träume…

Hinter mir liegen die wohl aufregendsten und schönsten 72 Stunden meines Lebens. Und darüber möchte ich euch berichten, damit jeder weiß, was ein WM-Finale bedeuten kann. Es besteht nämlich nicht nur aus 90 Minuten Fußball.

Nach dem ich Nächte damit verbracht habe, bezahlbare Flüge und annehmbare Flugzeiten zu finden, hatte ich meine Hoffnung auf ein Finale schon schwinden sehen. Wirklich aufgegeben habe ich aber nie, dass entspricht einfach nicht meinem Charakter. Und dann kam am Donnerstag Mittag die Nachricht, dass der Fanclub Nationalmannschaft doch noch einen Charterflieger einsetzen wird – buchbar ab 18 Uhr. Das Beste daran – das Ganze ist inklusive Eintrittskarte für jeden Mitflieger.

Da ich von einigen Ticketverkäufen weiß, dass Internetseiten auch mal schnell zusammenbrechen können, habe ich einigen Freunden meine kompletten Daten gegeben, damit sich meine Chancen erhöhen diese Reise zu buchen. Immerhin gab es nur 250 dieser begehrten Plätze. Und so schaffte ich es tatsächlich, mich am Donnerstag um 18.09 Uhr erfolgreich einzubuchen. Sollte das wirklich wahr sein!? So wirklich glauben konnte ich es noch nicht. Als mir meine Kreditkartenfirma aber am kommenden Tag die Reservierung des Geldbetrages mitteilte war ich dann zu 100 Prozent sicher – ich werde nach Rio de Janeiro fliegen und beim WM-Finale live dabei sein. Rio. Maracana. WM-Endspiel mit deutscher Beteiligung – unglaublich!!!

Los ging es für mich am Samstag. Gegen Mittag fuhr ich mit dem Auto zum Flughafen. Dort angekommen waren schon eine Menge Deutschland Fans in der Check-In Halle. Viele Fans suchten hier auch noch nach Karten. Das Fernsehen interviewte die Suchenden. Ein Freund von mir war auch darunter. Er hatte 10 Tage in Brasilien WM-Luft geschnuppert und den Charter inklusiv Karte leider nicht mehr bekommen. Jetzt war er extra aus Bielefeld zum Flughafen gekommen, um irgendwie noch mit aufspringen zu können. Doch dies war aufgrund der Anzahl der Kartengesuche aussichtslos.

Nach dem Check-In gingen wir zum Gate. Dort war bereits eine große Party – Samba Girls, laute Schlager Musik und ein grölender DJ, dazu ein kleines Buffet und Getränke satt. So kann der Tripp ja los gehen. Nach dem Einsteigen im Flieger setzte sich die gute Stimmung fort. Die Crew trug schwarz-rot-gold und hatte sogar die Wangen mit Fahnen verziert. Das Entertainment Programm war diesmal frei zugänglich und alle Getränke waren ebenfalls im Preis inbegriffen. Im Flieger war die erste Stunde noch etwas Party, dann suchten aber fast alle etwas Ruhe und Schlaf – immerhin sollten anstrengende Stunden vor uns liegen.

In Rio de Janeiro angekommen wurden wir auf sechs Reisebusse aufgeteilt und direkt zur Copacabana gefahren. Auf dem Weg erzählte uns eine brasilianische Deutschstudentin etwas zur Stadt. So hatten wir immerhin eine kleine Stadtrundfahrt. Am Strand angekommen hatte der Fanclub für uns eine komplette Bar angemietet. Dort gab es dann Frühstück und Getränke für alle. Im Anschluss daran wurden die Finaltickets verteilt. Der Rest des Tages stand dann zur freien Verfügung. Da es aber bereits gegen 12 Uhr Ortszeit ins Stadion gehen sollte, blieb hier gar nicht ganz so viel Zeit. Da ich Rio ja schon gesehen hatte und demnach nicht zu den Sehenswürdigkeiten hetzen musste, nutzte ich die Zeit, um bis zu den Knien ins Meer zu gehen und das ein oder andere Gespräch mit anderen Fans zu führen. Die Finalkarte verstaute ich sicher in einer flachen Gürteltasche. Die Fanbotschaft hatte bereits vor Tagen gewarnt, dass viele Karten gestohlen und gewaltsam entwendet wurden.


Nach ein paar Deutschland-Liedern zur letzten Einstimmung (übrigens aufgelegt von Olli Pocher) setzte sich dann der Fanmarsch Richtung Metro in Bewegung. Das war wirklich ein unglaubliches Gefühl mit circa 5.000 deutschen Fans durch die Straßen zu laufen. Überall aus den Fenstern in den umliegenden Häusern und am Straßenrand standen Menschen die uns zuwinkten, Glück wünschten, Fotos machten und filmten. Shake Hands und Abklatschen mit wildfremden Menschen, dazu der Gesang „Rio de Janeiro – ohohohohoh“. Eine gegenseitige Huldigung – eine unglaubliche Atmosphäre und eine unvergessliche Erfahrung.

An der Metro angekommen ging es dann ziemlich zügig ins Stadion. Nach mitgezählten 18 Kartenkontrollen waren wir dann auch am Drehkreuz angekommen. Drin! Jetzt konnte nichts mehr schiefgehen, ich sehe mein erstes WM-Finale live. Die Stimmung war grandios, die Brasilianer lernten schnell unsere Lieder und unterstützten uns beim Spiel nach Kräften. Immerhin wollten diese auf keinen Fall, dass der Erzfeind Argentinien den Titel holt. So wurden auch einige argentinische Singversuche mit einem donnernden Pfeifkonzert zerstört.


Zum Spiel muss ich nicht viel sagen. Ich weiß noch, dass ich meinem Sitznachbarn gesagt habe, dass ein Wechsel Klose – Götze jetzt der richtige sei. Klose war merklich müde und auch wenn Götze bisher nicht so stark gespielt hatte, ist er für einen genialen Moment immer gut. In der 113. Minute war es dann so weit – die Welt und alle irgendwie greifbaren Menschen wurden gedrückt, es gab kein halten mehr. Die letzten 9 Minuten vergingen dann auch wie im Flug. Im Moment des Triumphes dann Freudentränen, Schreie, Jubel. Fahne halten, Fotos machen, Menschen umarmen und noch was bei Facebook posten geht übrigens auch als Weltmeister nicht gleichzeitig. Wir sind Weltmeister – und ich bin hautnah dabei. Eigentlich ist das so unglaublich, dass ich wohl noch ein bisschen brauchen werde, um das zu begreifen.

Nach Spiel, Siegerehrung und unzähligen Fotos ging es zurück an den Strand. Die Metro war wirklich super organisiert, so dass der Abtransport von rund 75.000 Menschen echt schnell klappte. Als wir aus der Metro kamen, folgte der nächste Gänsehaut-Moment: Da standen tausende von Brasilianern vor der Metro und klatschten uns Beifall und beglückwünschten uns. Ein Wahnsinns Gefühl, schon wieder Gänsehaut. Tausende Schulterklopfer später waren wir dann auch wieder beim deutschen Fanfest. Dieses war schon voll im Gange. Einige tausend Anhänger tanzten hier am Strand und machten die Nacht zum Tag. Noch einen Caipi und die Atmosphäre einfach nur genießen, gegen 22.00 Uhr ging es dann zurück zum Flughafen.


Hier herrschte absolutes Chaos, denn es mussten noch in der Nacht dutzende Sondermaschinen – die meisten nach Buenos Aires – abgefertigt werden. Mit 45 Minuten Verspätung ging es dann aber auf die letzte Etappe unseres Fluges. Zu Beginn noch euphorisch und sangesfreudig, irgendwann dann aber eher kaputt und schlafend ging es in die Heimat. Gegen 17 Uhr landeten wir dann mit den Worten des Piloten „Willkommen zurück im Land des Weltmeisters“.

Beim Aussteigen standen bereits einige Kamerateams bereit. Sogar in der Tagesschau war ich kurz zu sehen. In der Empfangshalle gab es wieder Getränke und einen Weltmeisterkuchen. Laute Musik durfte natürlich auch nicht fehlen. Ein kleines Glas Sekt gab es noch, dann ging es die 3 Stunden von Frankfurt nach Hause.

Absolute geplättet, aber am Ziel meiner Träume ging es abends ins Bett. In den nächsten Tagen und Wochen werde ich meine verrückte Geschichte sicherlich noch das ein oder andere Mal im Freundes- und Kundenkreis erzählen dürfen. Bedanken möchte ich mich bei allen, die meine Eindrücke in den letzten Wochen verfolgt haben. Das positive Feedback freut mich sehr.